Blog: 600 Spinnräder und 100 Webstühle in Hittnau

Blog: 600 Spinnräder und 100 Webstühle in Hittnau

26.01.2024

Heimarbeit

Heimarbeit ist eine Betriebs- oder Produktionsform, bei der die Arbeitskräfte ihre Tätigkeit zu Hause, in der eigenen Wohnung oder in einem speziellen Arbeitsraum, verrichten. Für die Kosten des Arbeitsraums kommen sie selbst auf. Teils gehören ihnen auch die Produktionsmittel (Werkzeuge, Maschinen), teils werden diese von den Arbeitgebern, die den Rohstoff oder die weiter zu bearbeitenden Stücke liefern und die Produkte verkaufen, zur Verfügung gestellt.

1850 waren noch 75% der rund 200'000 industriellen Erwerbstätigen der Schweiz in der Heimindustrie beschäftigt, 1880 noch gut die Hälfte. Um 1900 war es lediglich noch etwas mehr als ein Drittel.

Verbreitung der Heimarbeit im Kanto Zürich Ende des 18. Jahrhunderts

Das Gebiet im Zürcher Oberland war für den Ackerbau ungeeignet.  Kleinbauernbetriebe mit wenig Stück Vieh herrschten vor. Die Familien waren gezwungen, sich nach weiteren Einkommensquellen umzusehen. Dabei bot sich die Heimarbeit im textilen Bereich an.

So gab es gemäss einer Zählung von 1787 in Hittnau 600 Spinnräder und 100 Webstühle.

Bild aus «Atlas zur Geschichte des Kantons Zürich», Kläui/Imhof 1951

Aus dem Bericht eines Pfarrers von Wildberg 1816:

Spinnen und Weben sind das vorzüglichste Erwerbsmittel dieses Gebirgsvolkes. Nicht selten findet man Eltern, Grosseltern und Enkel in einer Stube am Spinnrad und am Webstuhl. Bald an der wärmenden Sonne, bald im kühlen Schatten, wie es gefällig ist, versammelten sich erwachsene Knaben und Töchter, schwingen beim mutwilligen Scherz ihr Spinnrad, höhnen übermütig oder verachten mitleidig den Bauern, des des Tages Last und Hitze erträgt.

aus dem Lehrmittel «Zeiten, Menschen, Kulturen» von Peter Ziegler

 

Etwas anders tönt es aus der Sicht der Betroffenen. Hier der Bericht von Jakob Stutz:

Jenes war auch der erste Winter, da ich – als zehnjähriger Knabe – nachts arbeiten musste. Die älteste Schwester zettelte, und wir jüngern Geschwister sassen im Kreise um die Mutter und spulten. Wollte uns etwa der Schlaf anfechten, hiess sie uns ein Liedchen anstimmen.

 

Das Verlagssystem

Bevor in Fabriken gesponnen und gewoben wurde, stellte man Garn, Fäden und Stoffe in Heimarbeit her. Dafür musste das Rohmaterial verteilt und die Fertigprodukte wieder eingezogen werden.

 

 

Der Unternehmer aus der Stadt stellte den Heimarbeitern Rohwaren oder Halbfabrikate zur Verfügung und bezahlte für die Verarbeitung einen Lohn, meist innerhalb eines festgelegten Zeitraums. In der Textilindustrie handelte es sich bei diesem Zeitraum häufig um ein bis zwei Wochen. Je nach Branche trat der Unternehmer nicht direkt mit den Arbeitskräften in Beziehung, sondern bediente sich einer Mittelsperson (Trager, Fergger, visiteur). Das Material blieb dabei immer im Besitz der Unternehmer.

Jakob Stutz erinnert sich in seinem Buch «Sieben mal sieben Jahre aus meinem Leben» an seine Kindheit in Isikon.

Der Vater machte bedeutende Geschäfte in der Baumwollenfabrikation, wobei er ein paar hundert Handspinner und Weber beschäftigte. Zu diesem besass er noch einen ausgedehnten Gütergewerb und einen Handel mit Holz. Geschäfte aller Art führten ihn häufig von Hause weg, und dann lag die ganze Wirtschaft der Mutter allein zur Besorgung ob, ach! Und hätte sie mit uns sieben Kindern allein vollauf zu tun gehabt. Wohl war zeitweise ein Zettler (bespannen des Webstuhls) da und auch eine alte Base, welche in Besorgung der jüngsten Kindern behülflich sein musste. Aber die Hauptlastlag ihr allein ob und drückte sie wie eine schwere Last.

Meine Mutter hatte beim Ferggen der Spinner und Weber, welche fast stündlich kamen, nicht allein viel Mühe, sondern gar viel Ärger und Verdruss. Die wenigsten waren mit dem Arbeitslohn zufrieden, und die meisten waren Betrüger und Diebe. Entweder waren die Schneller (Masseinheit in der Garnproduktion) genetzt, damit sie mehr wägen, oder sie hatten die gehörige Länge und die Zahl der Umgänge nicht.

Quellen:

Titelbild aus Schweizerisches Nationalmuseum