Blog: Schulreformen hatten es schon früher schwer

Blog: Schulreformen hatten es schon früher schwer

16.12.2024

Katechismus (Glaubenslehre)

Um 1800 war der Katechismus das wichtigste Schulbüchlein. Es bestand aus dem «Kleinen Katechismus» mit 93 Fragen sowie dem «Grossen Katechismus» mit 110 Fragen. Mit dem Katechismus wurde das mechanische Auswendiglernen geübt. Lesen wurde mit Hilfe des Buchstabierens gelernt. Jedes Kind lernte für sich allein. Dem Schulmeister oblag das Kontrollieren. 

Erneuerungen im 18. und 19. Jahrhundert

Mit Berufung auf Rousseau und Pestalozzi wurden Reformen angestrebt. Die Anforderungen an die Schule waren: Förderung echter Religiosität, Formung guter Staatsbürger, angepasste Unterrichtsmethoden, Lehrstoff auf das praktische Leben ausgerichtet. - Trotz diesen Bemühungen blieb die Schule noch lange sehr reformbedürftig.

Der erste Versuch einer Reform erfolgte in der Zeit der Helvetik zwischen 1798 und 1803. Stutz äusserte sich kritisch zu den Reformbemühungen.

Doch was kam bei der Schulverbesserung heraus? – Wir lernten die Buchstaben schöner schreiben. Und die Wörter deutlicher aussprechen, aber keiner wusste, was er las, und keines, was es schrieb, und doch wurde sehr viel Mühe auf beides verwendet. Das Ganze der Verbesserung galt demnach nur der Schale, an den Kern dachte niemand. Von Erklären und Erzählen war bei uns keine Rede. Bisweilen wurde aus dem Testament abgefragt, aber nur so, dass wir die Antwort im Buch selber lesen konnten und also weiter nichts zu denken hatten.»

aus:  Jakob Stutz, Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben, S.127 ff. Frauenfeld 2011

 

Ausbau der Schulen ab 1830

Während der Regeneration (1830-1848) erhielt das Schweizer Schulwesen neue, wichtige Reformanstösse. Neben den Primarschulen wurden weiterführende Volksschultypen eingerichtet – je nach Kanton hiessen sie Sekundarschule, Bezirk- oder Realschule.

«Ich weiss nicht mehr, wann es hiess, die alten Namenbüchlein und Psalmen müssten aus der Schule weggeschafft werden. Statt dem alten Namenbüchlein gebe es nicht bloss ein neues, sondern, Gott behüte uns davor! drei – statt dem Psalmenbuch ein Liederbuch zum Lesen und Singen. Auch müssten von nun an nicht nur die Buben, sondern auch die Meitli schreiben lernen. Auch müsse die Besoldung der Lehrer erhöht werden……

Dass auch die Schulmeister der neuen Lehre zugetan gewesen sein müssen, schliesse ich daraus, weil jedermann gegen sie aufgebracht war und sie beschimpfte. Da hiess es: Die faulen Stölzlinge sind nur deswegen so für das Neue eingenommen, weil sie mehr bekommen. Und leise sagte dann mancher: Auch die Pfarrer sind Antichristen, und ballte die Faust in der Tasche.»

aus: Jakob Stutz, Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben, S.124 ff. Frauenfeld 2011

 

Ausbildung von Jakob Stutz zum Schulmeister

 Privatunterricht beim Hittnauer Pfarrer

Während seinem Aufenthalt bei seiner Gotte in der Mühle Balchenstal entdeckte der junge Stutz, dass sein Schreiben in der Bevölkerung Anklang fand. Der Pfarrer von Hittnau glaubte an sein Talent und wollte den jungen Mann fördern. Er erteilte ihm Privatstunden im Fach Deutsch. Mit dem auf trockener Grammatik beschränkten Unterricht konnte Stutz nichts anfangen. Nach wenigen Monaten wurde das Vorhaben abgebrochen.

Der Pfarrer reichte mir ein Büchlein mit den neun Deklinationen und sagte: »Hier wollen wir den Sprachunterricht beginnen. Da las ich dann: der Hund, des Hundes, dem Hunde so weiter. Diese gottlosen Deklinationen vermochte ich mir nicht einzuprägen. Der Pfarrer merkte bald, dass es mit meiner Geschicklichkeit nicht weit her sei. Dann gings ans Conjugieren. Musste ich beim Deklinieren beinahe Blut schwitzen, wurde mir bei dieser Arbeit fast die Seele aus dem Leib getrieben. -

aus: Jakob Stutz, Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben, S. 310 ff., Frauenfeld 2011

 

Erst vier Jahre später fand er im Pfarrer Tobler vom Sternenberg einen Mentor, der ihn verstand und unterstützte.

Pfarrer Tobler und Schulmeister Wolfensberger wollten es gar nicht für angemessen finden, dass ich meine Zeit nur beim Webstuhl verbringen sollte. Beide redeten mir eifrig zu, Schulmeister zu werden und erboten sich, mir in den notwendigsten Fächern Unterricht zu geben.

Der Pfarrer gab mir jeden Vormittag ein paar Stunden im Fach Deutsch. Nachmittags hatte ich beim Schulmeister Rechnen und Schönschreiben. Sonderbar, wie mir hier das Lernen recht lieb und angenehm wurde. Dieser Unterricht wurde mir eben viel praktischer und fasslicher erteilt, als es in Hittnau geschehen war. Im Pfarrhaus sah ich die erste Gitarre. Nach einigen Tagen gab ich meine letzte Barschaft aus, um ein solches Instrument zu erwerben. Der Pfarrer zeigte mir die ersten Gründe zum Erlernen des Saitenspiels. Bis im kommenden Frühling hatte ich einen dicken Band von Liedern verfasst, dich ich auch begleiten konnte.

aus: Jakob Stutz, Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben, S. 398 ff., Frauenfeld 2011

 

In dieser Zeit veröffentlichte Stutz regelmässig Traktätchen, Lieder und Beiträge für die damals beliebten Volkskalender. So wurde man in Zürich auf ihn aufmerksam. Er trat 1827 eine Stelle als Hilfslehrer an der Blinden- und Taubstummenanstalt Zürich an.

Von seiner Anfangszeit schreibt er:

Weil der wissenschaftliche Unterricht für die Blinden auf den Vormittag und der für meinen Handarbeitsunterricht  auf den Nachmittag verlegt war, konnte ich bisweilen dem ersten auch beiwohnen. So wie Herr Thomas Scherr (später erster Direktor am ersten Lehrerseminar Küsnacht, Red.) unterrichten konnte, habe ich es eben noch nie gehört. Es geschah mit einer Klarheit und Einfachheit, dass einem auch das Schwierigste leicht verständlich werden musste. Da wunderte es mich nicht mehr, als ich sah, wie blinde Kinder von zehn Jahren hundertmal mehr wussten als ich, fünfundzwanzigjähriger Mann. Nie habe ich Herr Scherr zornig oder heftig erlebt. Ein Blick oder ein Wort reichte zur Zurechtweisung völlig hin.

aus: Jakob Stutz, Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben, S. 398 ff., Frauenfeld 2011

 

Neue Lehrmethoden

Stutz setzte seine eigenen Erfahrungen und die Beobachtungen bei seinen Mentoren in seinem Unterricht um. Erstaunlich wie nahe an den heutigen Unterrichtsformen seine Methoden schon waren.

«Ich dachte, wie das Kind ohne Grammatik, ohne jegliche Theorie die Muttersprache erlerne, so könne es auch mit der Schriftsprache geschehen. Hierauf basierte ich meinen ganzen Unterricht…

Alles, was gelesen, geschrieben oder geredet wurde, war Sprachunterricht, wobei die Schüler immer neue Wörter und Sätze zu praktischer Anwendung sammeln mussten. Jeder musste ein Tagebuch führen, Tages- und Wochenberichte hineinschreiben. Ferner erzählte ich ihnen Abschnitte aus der biblischen Geschichte, der Vaterlands-, Welt- und Naturgeschichte, Geografie und so weiter nur in der Mundart, was alles sie in`s Schriftdeutsche übersetzen und in ihre Tagebücher schreiben und nachher wieder im Dialekt erzählen mussten. So fiel all das Mechanische weg, keiner konnte weder das Gegebene schreiben, noch erzählen, wenn`s nicht gründlich aufgefasst war…

Die Titel der Abschnitte aus allen Fächern wurden vorweg auf Kärtchen geschrieben. Beim Wiederholen des Gelernten musste jeder ein solches Kärtchen ziehen, und was er zog, musste er mundartlich erzählen…

So gewannen die Schüler nach kurzer Zeit eine seltene Fertigkeit im Schreiben und Erzählen, und zudem war ihnen dieser Unterrichtsgang sehr kurzweilig…

Die Methode aber wurde kaum begriffen, und kein Lehrer hätte Lust gehabt, nur den geringsten Versuch zu wagen, obgleich sie wahrnehmen konnten, dass die ewigen theoretischen Sprachübungen für Schüler aus dem Volke meist nur Zeitverschwendung sei und keiner dabei in vernünftiges Brieflein schreiben oder deshalb ein Buch verstehen lernr»

aus: Jakob Stutz, Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben, S. 421 ff., Frauenfeld 2011

 

«Den besten Beweis bei dieser Methode lieferte August Schoch, ein Knabe von 7 ½ Jahren. In seinem sechsten Lebensjahr trat er in meinen Unterricht. Ich begann sofort mit Schreiben und Lautieren und verband das Lesen damit. Sobald er eine Anzahl Buchstaben lesen und auswendig schreiben konnte, suchte ich ihm Silben und Wörter daraus zu bilden. Nach 3-4 Wochen konnte er schon die meisten sichtbaren Gegenstände schriftlich benennen und lesen.»

aus: Jakob Stutz, Tagebücher, Staatsarchiv Zürich
Daniel Gasser